GOR versus BDSM
Ich denke, dies wäre mal eine gute Gelegenheit, beides miteinander zu vergleichen. Ist Gor möglicherweise nur ein Aspekt von BDSM? Worin befinden sich die Ähnlichkeiten und wo die Unterschiede zwischen Gor und BDSM? Dieses Thema wurde zahlreichen Foren und in endlosen Diskussionen unzählige Male bereits ausgiebig behandelt. Aber dennoch scheint es hier und da noch einige Unklarheiten zu geben. Für mich ist das ein Grund, das Thema mal ausführlich zu beleuchten und beides voneinander abzugrenzen. Früher hat die allgemeine Öffentlichkeit Gor als eine Art Untergruppierung von BDSM betrachtet. Seit der Neuauflage der Romanserie von John Norman “Die Chroniken von Gor” scheint sich das zumindest geändert zu haben. Dennoch erkennt man noch immer gewisse Tendenzen. Bei der Erwähnung von Gor in den Medien wird irgendwie unvermeidlich immer ein Bezug zu BDSM hergestellt. Außerdem sind mir bereits so manche Leute die mit BDSM zu tun haben aufgefallen, weil sie Gor als einen Teil davon ansehen. Ebenso bei vielen Anhängern des Gor-Zyklus in umgekehrter Weise.
Um die Verständlichkeit zu erleichtern, werde ich nun vieles sehr verallgemeinern. Es mag vielleicht Ausnahmen von diesen Verallgemeinerungen geben, aber diese wiederlegen nicht automatisch die Verallgemeinerungen generell. Ich bitte daher um Nachsicht
Beginnen möchte ich zunächst mit ganz banalen Fakten über Gor. John Norman, ein Universitätsprofessor, hat 28 Romane verfasst, in denen er die fiktive Welt Gor beschreibt und weitere sollen in der Zukunft noch veröffentlicht werden. Norman selbst hat noch fünf weitere Romane sowie zwei Sachbücher geschrieben. Eines dieser Sachbücher trägt den Titel “Imaginative Sex”, wurde 1974 veröffentlicht und gilt als eines der ersten im Zusammenhang mit D/S (Dominance/Submission) jemals veröffentlichten Bücher der Moderne. 1974 gab es sehr wenige Sachbücher die das Thema D/S behandelten. “The Leatherman´s Bible” war eines der wenigen damals veröffentlichten Bücher. Da “Imaginative Sex” einige sehr starke Parallelen zu Gor aufweist, können wir zunächst daraus schließen, dass es vermutlich zumindest einige Verbindungen von Gor zu D/S gibt. Aber nun sollten wir aufpassen, dass unsere Betrachtungen hier nicht aprupt enden.
Zu Beginn sollte man auch einige Definitionen betrachten, welche bei der Diskussion helfen könnten, nicht nur “BDSM” und “D/S”, sondern auch, was gemeint ist, wenn wir von “Gor” sprechen. Für jede dieser Bezeichnungen ist eine genaue Definition nicht leicht, da jeder Ausdruck eine Vielzahl von Aspekten anbietet. Man braucht ja nur an die unzähligen Aspekte denken, welche unter das Label BDSM und D/S fallen wie Bondage, Disziplin, Sadismus, Masochismus, Dominanz, Unterwerfung, Sklaven, Gerten oder Rollenspiel. Und dies waren und wenige gebräuchliche Begriffe – die Liste ist bei Weitem nicht vollständig. Und jeder Mensch, der mit BDSM und D/S zu tun hat, hat seine ganz eigenen Vorlieben für den Bereich, den er am liebsten ausleben möchte. Davon abgesehen ist alles in allem für einige lediglich perverser Sex. Aber für andere handelt es sich um einen tiefgreifenden Lebensstil, der viele Bereiche ihres Lebens berührt, nicht nur den sexuellen. Vielschichtigkeit ist ein Schlüsselwort bei der Definition von BDSM und D/S.
Innerhalb der goreanischen Community ist Vielschichtigkeit genauso der Schlüssel zur eigentlichen Definition von Gor. Der Einfachheit halber lassen sich die in der goreanischen Community aktiven Mitglieder in drei Hauptgruppen einteilen. Damit wären die eher passiven Mitglieder ausgeschlossen, welche nur die Lektüre der Bücher genießen und nicht weiter einsteigen. Die drei Gruppen umfassen Rollenspieler, Philosophen und Lifestyler. Man beachte aber, dass es auch innerhalb dieser drei Gruppen eine große Vielschichtigkeit gibt. Es sind breite Gruppen, die auch viele Widersprüche umfassen. Sie sind für eine allgemeine Diskussion nützlich, aber es sollte jedem bewusst sein, dass die Abgrenzungen nicht immer ganz klar sind. Menschen sind durchaus in der Lage, ohne Probleme mehr als einer dieser Gruppen angehören.
Auf unterster Betrachtungsstufe ist goreanisches Rollenspiel ein Spiel, bei dem Menschen vorgeben, auf Gor zu leben und bestimmte Rollen auszufüllen. Es ist eine Form des Zeitvertreibs, obwohl hier auch erzieherische Aspekte mit einfließen. Rollenspiel kann „Entführungen“ beinhalten, bei denen Menschen versuchen, andere zu versklaven und „Kämpfe“ wo Menschen sich bekriegen, manchmal bis zu einem virtuellen Tod. Einige Rollenspieler versuchen sich sehr eng an die Romanvorlagen zu halten und erlauben deshalb nur Handlungen, die auf der Basis der Romane plausibel erscheinen. Andere bevorzugen eine offenere Form und gleichen Vorgaben der Bücher an ihre eigenen Vorlieben an. Manchmal geraten diese beiden Lehrmeinungen in große Konflikte über ihre jeweiligen Ansichten.
Sklaverei im Rollenspiel, welche eng den goreanischen Romanen folgt, kann der historischen Sklaverei, speziell jener die im antiken Rom praktiziert wurde, sehr stark ähneln. Sklaven in den Gor-Romanen sind schlicht Eigentum mit keinerlei Rechten. Ihr Besitzer kann sie ohne Folgen töten. Nach Erdstandards kann solch eine Sklaverei als hart und brutal betrachtet werden. Nicht alle entschließen sich jedoch, sich so eng an die Bücher anzulehnen, wenn sie im Rollenspiel Sklaverei spielen. Manche bevorzugen eine vorsichtige Annäherung. Aber wir müssen uns deutlich machen, dass es hierbei nur um ein Spiel geht. Es kann gut mit jedem BDSM oder D/S Rollenspiel verglichen werden. In John Normans Imaginative Sex geht er auf mehr als 50 sexuelle Rollenspiel-Szenarien ein, die oft Dominanz, Bondage und Sklaverei beinhalten. Ein Teil dieser Szenarien gleicht Situationen, die auch auf Gor vorkommen könnten.
Aber es ist auch wichtig zu erinnern, dass goreanisches Rollenspiel nicht nur Herr/Sklavin-Interaktionen zu beinhalten muss . Rollenspiel kann viele unterschiedliche Szenarien von Geheimnissen bis hin zu Kriegsgeschichten, von Romantik bis zum Aktionabenteuer abdecken. Rollenspiel ist wie das Ausleben eines Romans, dessen potentielle Abenteuer lediglich durch die eigene Vorstellungskraft begrenzt sind. Es gibt einige goreanische Rollenspieler, die es vorziehen, sich hauptsächlich mit Herr/Sklavin-Interaktionen zu beschäftigen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Es ist nicht zwingend für den gesamten möglichen Spielraum von Rollenspielen sondern schränkt ihn meiner Meinung nach sogar eher ein.
Am anderen Ende des Spektrums haben wir die sehr umfangreiche goreanische Philosophie. Sie legt die grundlegenden Prinzipien der Welt Gor fest, die in den Romanen beschrieben werden. Es gibt unzählige Hinweise die andeuten, dass diese Philosophie existiert und zum großen Teil auf der antiken griechischen Philosophie und den Arbeiten von Nietzsche basiert. Goreanische Philosophie kann am besten zusammengefasst werden durch das Prinzip „Im Einklang mit der Natur leben“. Im Grunde leiten sich alle anderen goreanischen philosophischen Prinzipien von dieser ersten These ab. Ein vollständiges Verstehen der goreanischen Philosophie erfordert vom Leser nicht nur die Lektüre aller Romane, sondern darüber hinaus noch die Lektüre weiterer unabhängiger Schriften, um einige komplexe philosophische Konzepte besser zu verstehen.
Wegen seines Umfangs habe ich mich nun an dieser Stelle doch entschieden, hier eine kleine Pause einzulegen – wie ihr seht, ist das Thema wirklich umfangreich! Die Fortsetzung folgt dann kommende Woche und wird hier dann auch verlinkt

