GOR versus BDSM II
Vor einigen Tagen hatte ich schon den ersten Teil meiner Gegenüberstellung von Gor und BDSM hier veröffentlicht. Heute möchte ich mit einigen zusätzlichen Theorien und Erkenntnissen auf den Punkt kommen.
Interessanterweise ist die Sklaverei kein Bestandteil der goreanischen Philosophie. In der Tat ist sie für die Philosophie völlig unbedeutend. Sklaverei an sich ist eine soziale und kulturelle Institution und kein philosophisches Prinzip. Nun, ein abgeleitetes Prinzip der goreanischen Philosophie ist jedoch, dass im Allgemeinen Männer dominant und Frauen submissiv sind. Es wird ganz banal als biologische Wahrheit betrachtet, ausgehend von Genetik und der Geschichte der Evolution. Man bedenke dabei, dass hier keine Absolutismen diskutiert werden sondern lediglich Verallgemeinerungen. Aber dieses Prinzip besagt keines falls, dass Frauen Sklavinnen sein sollten oder müssten. Es gibt bedeutende Unterschiede zwischen Submissivität und Sklaverei.
Man sollte feststellen, dass diese Gruppe die kleinste aller drei Gruppen von Goreanern ist, die ich hier erwähnt habe. Über den Grund, warum das so ist, können lässt sich nur mutmaßen. Ein Teil der Begründung könnte darin liegen, dass die meisten Menschen bei dem Begriff „Philosophie“ mehr an geistige Auseinandersetzung denken, als an einen möglichen Lebensstil. Sie denken an muffige alte Akademiker, welche sich über esoterische Standpunkte und das Wesen des Universums streiten. Trotzdem, wenn wir ins antike Griechenland oder Rom zurückgehen, werden wir feststellen, dass für die Menschen damals Philosophie ein integraler Bestandteil eines bestimmten Lebensstils war. Ein Philosoph lebte seine Philosophie und redete nicht nur darüber. Und da Gor in weiten Teilen auf diesen alten Quellen beruht, erscheint es durchaus angemessen, mit seiner Philosophie ebenso umzugehen.
Nun komme ich zur letzten Gruppe, den goreanischen Lifestylern. Schließlich ist es just dieser Bereich, der am Meisten mit der Welt von BDSM und D/S verglichen wird. Im Allgemeinen ist ein goreanischer Lifestyler jemand, der der goreanischen Philosophie folgt, der aber auch einige der gesellschaftlichen Aspekte von Gor zu leben versucht. Dieser Versuch des Nachlebens ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebensstils. Im Grunde nimmt ein Lifestyler einige Bereiche, welche andere im Rollenspiel ausfüllen, und versucht, sie in seinem eigenen Leben real werden zu lassen. Erwähnenswert ist auch der Fakt, dass es eine Reihe von Lifestylern gibt, die sich durch Rollenspieler beleidigt fühlen. Sie glauben, dass es ihre Glaubwürdigkeit beeinträchtigen würde und auch, dass es beleidigend sei, ein Spiel aus dem zu machen, was sie leben. Aber durch das Nachleben fiktiver Teile der fiktiven Welt Gor, kann man argumentieren, dass Lifestyler eigentlich selbst eine Art Rollenspiel machen.
Einige der am häufigsten durch Lifestyler nachgelebten sozialen Einrichtungen sind der Heimstein, das Kasten-System und die Sklaverei. Es gibt jedoch keinen Standard, welche Einrichtung durch einen Lifestyler gelebt werden sollte. Man kann einen Heimstein wählen, braucht wiederum keine Kaste. Man kann eine Sklavin haben, jedoch keinen Heimstein. Es ist alles eine Sache der individuellen persönlichen Vorlieben, obwohl die Sklaverei wohl die am häufigsten nachgelebte Einrichtungt sein dürfte. Von allen Eigenarten Gors zieht noch immer die Sklaverei die meisten Menschen an. Aber diese Popularität stellt die Gesamtheit von Gor falsch dar. Man kann goreanischer Lifestyler sein, ohne eine Sklavin zu besitzen oder sogar ohne die Sklaverei zu unterstützen.
Wenn diese goreanischen Einrichtungen nachgelebt werden, modifizieren die Lifestyler sie für die Gegebenheiten der Erde und ihre persönlichen Vorlieben. Sklaverei, obwohl auf Gor legal, ist auf der Erde verboten. Deshalb muss es zwangsweise gewisse Unterschiede geben. Vor allem ist die Sklaverei der Lifestyler wesentlich weniger hart, als es auf Gor der Fall wäre. Bei Lifestylern gibt es keine erwzungene Sklaverei. Sie wird oft als „konsensuelle Sklaverei“ bezeichnet, da die Sklavin ihrer eigenen Unterwerfung zustimmt. Sie hat auch die Macht, ihre Sklaverei zu jedem Zeitpunkt zu beenden. Solche Echtzeit-Sklaverei (RT = Real Time) ähnelt am meisten dem, was im BDSM und D/S als TPE (Total Power Exchange) bezeichnet wird, obwohl ich den weniger gebräuchlichen Ausdruck (Beziehungs-)„Interne Sklaverei“ vorziehe, weil ich denke, dass er die Art der Beziehung exakter beschreibt. In weiten grundlegenden Bereichen ist diese RT-Sklaverei eine extreme Form von Unterwürfigkeit. Hier gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen BDSM, D/S und dieser RT-Sklaverei, obwohl es auch wichtige Unterschiede gibt.
Nun zu den Ähnlichkeiten und Unterschieden. Goreanische Sklaverei kann, wie auch BDSM, Bondage mit einschließen, Halsbänder, Ketten, Armfesseln, Seile, Knoten und vieles mehr. Goreanische Sklaverei und BDSM können das Zufügen von Schmerz einer sub oder einer Sklavin gegenüber beinhalten. Im Allgemeinen werden das Goreaner nur als Strafe ausführen und ihre Sklavinnen werden den Schmerz nicht genießen. Es gibt aber wie immer auch Ausnahmen. Im BDSM ist es sehr viel verbreiteter für die sub oder Sklavin den Erhalt von Schmerz zu genießen. Beide, Gor und BDSM umfassen Dominanz und Unterwerfung, obwohl es auf Gor üblicherweise die Männer sind, die dominant sind. Im BDSM sind viele Frauen dominant, deutlich mehr, als es auf Gor wären.
Am wichtigsten bleibt anzumerken, dass RT goreanische Sklaverei nur ein Teilaspekt eines viel größeren Bereiches ist. Wenn man denkt, dass Gor nur Sklaverei beinhaltet, verpasst man eine interessante Welt voller anderer goreanischer Ideen und Konzepte. Goreanische Philosophie berührt die Metaphysik, die Erkenntnistheorie, Ethik, Politische-Philosophie und vieles mehr. Sie bezieht ihre Inspiration aus Quellen wie Platos “Die Republik”, den “ Meditationen des Marcus Aurelius” und Nietzsches “Jenseits von Gut und Böse”. Sie handelt von mehr als nur persönlichen Beziehungen, umfasst ebenso den Umgang des einzelnen Mannes mit der Regierung, der Gesellschaft und der Natur. In dieser Hinsicht umfasst Gor unendlich viel mehr als BDSM oder D/S. BDSM und D/S sind meist eine Angelegenheit persönlicher Beziehungen und der Interaktion zwischen zwei Menschen.
Wer ist nun verantwortlich für den Irrglauben, dass Gor überwiegend aus Sklaverei besteht? Letztendlich fällt viel von genau dieser Verantwortung auf die goreanische Community zurück. Sie fällt zurück auf jeden Einzelnen, der nach Gor nur wegen der Sklaverei kommt. Sie fällt zurück auf Menschen, die Websites erstellen, deren Inhalt vorwiegend nur von Sklaverei handelt. Sie fällt auf jeden Einzelnen, der in den Foren endlos über Sklaverei diskutiert und die anderen Themen vernachlässigt. Und da diese Einzelnen Online letztlich die Mehrheit bilden, wird die Botschaft nunmal verfälscht. Deshalb erhalten Menschen, die wenig von Gor wissen ein verfälschtes Bild, indem Gor überwiegend Sklaverei betrifft, obwohl es so viel anderes gibt.
Glücklicherweise gibt es aber auch einige, die gegen dieses falsche Bild ankämpfen. Sie helfen dabei, die Realität von Gor deutlich zu machen. Sie schreiben Forenbeiträge, die viele andere Aspekte von Gor beinhalten. Sie bauen Websites, die die Millionen von unterschiedlichen Themen berühren um die Sklaverei in eine unbedeutendere Rolle zu drängen. Es ist keine leichte Aufgabe, schließlich ist das Thema der Sklaverei möglicherweise gerade für Menschen die sich noch wenig mit Gor beschäftigt haben eben am Interessantesten. Ich wollte mit diesem zweiteiligen Artikel aufzeigen, dass Gor weitaus mehr ist, als Sklaverei. Gor ist nicht bloß eine Unterkategorie von BDSM oder D/S. Obwohl es Gemeinsamkeiten zwischen BDSM, D/S und goreanischer einvernehmlicher RT-Sklaverei gibt, werden diese von den Unterschieden bei weitem überlagert. Gor umfasst ein riesiges Gebiet von zusätzlichen sehr interessanten Themen, die nichts mit BDSM oder D/S zu tun haben.

